Der Neck Disability Index (NDI)
Der NDI ist ein zuverlässiger und gültiger Fragebogen, um Nackenschmerz-bedingte funktionelle Beeinträchtigungen zu beurteilen. Die deutsche Version von Cramer et al. (2014) ist psychometrisch robust und klinisch einsetzbar. Der Neck Disability Index (NDI) zählt zu den international am häufigsten eingesetzten patientenberichteten Outcome Maßen zur Erfassung der funktionellen Beeinträchtigung bei Nackenschmerzen. Die von Cramer et al. (2014) validierte deutsche Version stellt eine wichtige Grundlage für den Einsatz im deutschsprachigen Raum dar. Trotz seiner weiten Verbreitung und guten psychometrischen Eigenschaften ist der NDI jedoch kritisch zu betrachten.
Stärken des Instruments
Eine wesentliche Stärke des NDI liegt in seiner hohen Praktikabilität. Mit nur zehn Items ist der Fragebogen zeitsparend, leicht verständlich und ohne zusätzlichen apparativen Aufwand einsetzbar. Die deutsche Version zeigt eine gute interne Konsistenz (Cronbach’s α ≈ 0,81) sowie eine gute Test-Retest-Reliabilität, was auf eine stabile Messung der erfassten Konstrukte hinweist. Zudem belegt die Studie von Cramer et al. eine ausreichende Konstruktvalidität, da der NDI signifikant mit Schmerzintensität, funktionellen Einschränkungen und gesundheitsbezogener Lebensqualität korreliert. Damit eignet sich der NDI insbesondere zur Verlaufsbeurteilung und zur Evaluation therapeutischer Interventionen. Ein weiterer Vorteil ist die internationale Vergleichbarkeit, da der NDI weltweit in zahlreichen Studien verwendet wird und dadurch Benchmark-Vergleiche ermöglicht.
Methodische und inhaltliche Limitationen
Trotz dieser Stärken weist der NDI mehrere relevante Schwächen auf. 1. Eindimensionalität des Konstrukts Die Faktorenanalyse von Cramer et al. spricht für eine Ein Faktor-Struktur, was darauf hindeutet, dass der NDI primär ein globales Maß für „Nacken-bezogene Beeinträchtigung“ darstellt. Dadurch gehen jedoch differenzierte Aspekte wie motorische Kontrolle, psychosoziale Einflussfaktoren oder individuelle Bewältigungsstrategien verloren. Moderne biopsychosoziale Modelle von Nackenschmerz werden somit nur unzureichend abgebildet. 2. Starke Gewichtung alltagsbezogener Aktivitäten Mehrere Items (z. B. Lesen, Autofahren, Arbeit) sind kontextabhängig. Personen ohne Erwerbsarbeit, ohne Führerschein oder mit eingeschränkter Lesetätigkeit können bestimmte Fragen nur eingeschränkt oder verzerrt beantworten. Dies kann die Vergleichbarkeit zwischen Patientengruppen reduzieren. 3. Begrenzte Sensitivität bei leichten Beschwerden Der NDI zeigt insbesondere bei Patienten mit milden oder intermittierenden Nackenschmerzen eine eingeschränkte Sensitivität. Kleine, klinisch relevante Veränderungen können unter Umständen nicht ausreichend abgebildet werden (Floor-Effekt). Für Präventionsprogramme oder frühe Funktionsstörungen ist der NDI daher nur bedingt geeignet. 4. Vermischung von Schmerz und Funktion Mehrere Items (z. B. Schmerzintensität, Kopfschmerzen, Schlaf) erfassen eher Symptomschwere als reine funktionelle Einschränkung. Dadurch ist der NDI kein „reines“ Funktionsinstrument, sondern ein hybrides Maß, was die Interpretation der Ergebnisse erschweren kann – insbesondere bei Interventionen, die primär funktionelle Parameter verbessern sollen.
Kritische Einordnung im klinischen Kontext
Der NDI sollte nicht isoliert, sondern stets im Kontext weiterer klinischer Befunde interpretiert werden. Objektive Messungen (z. B. Bewegungsumfang, Kraft, motorische Kontrolle), psychosoziale Screenings (z. B. FABQ, PCS) sowie eine differenzierte Anamnese sind notwendig, um ein umfassendes Bild der Nackenproblematik zu erhalten. Insbesondere im Rahmen moderner evidenzbasierter Physiotherapie und Schmerztherapie reicht der NDI allein nicht aus, um mechanistische oder neurophysiologische Veränderungen abzubilden.
Fazit
Die deutsche Version des Neck Disability Index nach Cramer et al. (2014) ist ein valider, reliabler und praxisnaher Fragebogen, der sich gut zur standardisierten Erfassung von nackenbezogener Beeinträchtigung und zur Verlaufskontrolle eignet. Gleichzeitig ist der NDI inhaltlich begrenzt eindimensional, kontextabhängig und nur eingeschränkt sensitiv für subtile Veränderungen oder komplexe biopsychosoziale Zusammenhänge. Sein Einsatz sollte daher ergänzend und nicht als alleiniges Outcome-Instrument erfolgen.
Autor:
Rolf Kunkel
PT, OMT
Academy Dozent

Quellen: Cramer, H., Lauche, R., Langhorst, J., Dobos, G. J., & Michalsen, A. (2014). Validation of the German version of the Neck Disability Index (NDI). BMC Musculoskeletal Disorders, 15, 91. https://doi.org/10.1186/1471-2474-15-91 Vernon, H., & Mior, S. (1991). The Neck Disability Index: A study of reliability and validity. Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics, 14(7), 409–415. (Originalbeschreibung des NDI) Vernon, H. (2008). The Neck Disability Index: State-of-the-art, 1991–2008. Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics, 31(7), 491–502. (Übersichtsartikel zur Geschichte und Nutzung des NDI) Fejer, R., Kyvik, K. O., & Hartvigsen, J. (2006). The prevalence of neck pain in the world population: A systematic critical review of the literature. European Spine Journal, 15(6), 834–848. (Hintergrund zur Epidemiologie von Nackenschmerzen) Hinweis zu Varianten des NDI im Deutschen: Swanenburg, J., Humphreys, K., & Langenfeld, A. (2014). Validity and reliability of a German version of the Neck Disability Index (NDI-G). Manual Therapy, 19(1), 52–58. https://doi.org/10.1016/j.math.2013.07.004 (Alternative deutsche Übersetzung/Validierung)

