Magnetresonanztomographie des Kiefergelenks bei anteriorer Diskusverlagerung ohne Reposition – Langzeitergebnisse

Magnetic resonance imaging of temporomandibular joint with anterior disk dislocation without reposition – long-term results

1. Fragestellung & Hintergrund

Die Studie untersucht bei Patienten mit anteriorer Diskusverlagerung ohne Reposition (ADD-woR) des Kiefergelenks, wie sich die Morphologie und klinische Situation über 4–8 Jahre verändert, ob sich ein sogenannter Pseudo-Disk (PD) entwickelt, und ob das Vorhandensein eines PD mit besseren oder schlechteren klinischen bzw. radiologischen Befunden assoziiert ist.

Klinischer Kontext:

ADD-woR ist eine Form einer intraartikulären Störung des TMJ bei der der Gelenk-Diskus dauerhaft vorne bleibt und nicht mehr beim Öffnen „reponiert“. Dies kann zu Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und funktionellen Problemen führen. MRI ist der Goldstandard zur Visualisierung dieser Veränderungen.

2. Studiendesign

Retrospektive Langzeit-Follow-up-Studie

Population: 33 Patienten (42 betroffene TMJs) mit vorher dokumentierter ADD-woR

Dauer: 4–8 Jahre nach Baseline-Diagnose

Methoden: klinische Untersuchung einschließlich Schmerz-VAS und Mundöffnung + MRI zur strukturellen Beurteilung des TMJ

Was wurde beurteilt?

  • Entwicklung eines Pseudo-Disks (PD)
  • Veränderungen von Schmerzen und Mundöffnung
  • Radiologische Parameter (Diskuslage, Erguß, Translation)

3. Hauptergebnisse

Pseudo-Disk:

Bei rund 45 % der Gelenke konnte im Follow-up ein PD identifiziert werden.

Schmerzen:

21 von 31 ursprünglich schmerzhaften Patienten waren beim Follow-up schmerzfrei.

Mundöffnung:

Die Mundöffnungsbeweglichkeit verbesserte sich bei 80 % der Patienten.

Zwischen Patienten mit PD und ohne PD gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede in den klinischen Endpunkten, aber MRI-Parameter wie Erguß und Kondylustranslation zeigten eine Tendenz zu stärkerer Verbesserung bei PD (p≈0.06).

4. Stärken der Studie

Lange Beobachtungsperiode (4–8 Jahre) dies ermöglicht einen Einblick in natürliche Anpassungsprozesse des TMJ über einen Zeitraum x.

Konsistente Bildgebung mit hochauflösendem MRI – gute diagnostische Sensitivität für kleine strukturelle Veränderungen.

Kombination aus klinischen & radiologischen Daten – klinische Relevanz wurde mit strukturellen Befunden verknüpft.

5. Limitationen

Kleine Stichprobe:

Nur 33 Personen, bedeutet eingeschränkte statistische Aussagekraft, besonders für Subgruppenanalysen PD vs. kein PD.

Retrospektiv und keine Kontrollgruppe:

Kaum Aussage über kausale Effekte oder Therapie-Vergleiche.

Therapievariabilität:

Die Mehrheit der Patienten erhielt unterschiedliche konservative Therapien (Physio/Schiene), die nicht standardisiert wurden, dies bedeutet mögliche Confounder.

Follow-up-Selektion:

Patienten, die nicht kontaktiert werden konnten oder keine MRI-Daten hatten, wurden ausgeschlossen, das bedeutet potenzieller Selektionsbias.

6. Interpretation & klinische Bedeutung

Die Studie zeigt, dass:

Während deutlich weniger Patienten Schmerzen und Bewegungseinschränkungen hatten, die Entwicklung eines Pseudo-Disks kein eindeutiger Marker für einen besseren klinischen Verlauf ist.

Dies legt nahe, dass klinische Verbesserungen bei ADD-woR nicht von der bloßen morphologischen Bildung eines PD abhängig sind sondern vielmehr könnten andere Adaptations- und Reparaturprozesse am Gelenk eine Rolle spielen.

7. Schlussfolgerung

Kernaussage:

Bei Patienten mit anteriorer Diskusverlagerung ohne Reposition kommt es über Jahre zu funktionellen Verbesserungen (Schmerz, Mundöffnung), unabhängig davon, ob radiologisch ein Pseudo-Disk entsteht oder nicht. Der morphologische PD-Befund weist nur eine Tendenz – aber keine verlässliche klinische Prädiktivität auf.

Schlussfolgerung:

Ein rein radiologischer PD-Nachweis sollte nicht als alleiniger prognostischer Faktor für Therapieentscheidungen herangezogen werden.

Langfristige klinische Beobachtung und funktionelle Bewertung bleiben entscheidend.

 

Autor:
Rolf Kunkel
PT, OMT
Academy Dozent

Quellen: Bristela M., Schmid-Schwap M., Eder J., Reichenberg G., Kundi M., Piehslinger E., Robinson S. (Clin Oral Investig, 2017)

Der Neck Disability Index (NDI)

Der NDI ist ein zuverlässiger und gültiger Fragebogen, um Nackenschmerz-bedingte funktionelle Beeinträchtigungen zu beurteilen. Die deutsche Version von Cramer et al. (2014) ist psychometrisch robust und klinisch einsetzbar. Der Neck Disability Index (NDI) zählt zu den international am häufigsten eingesetzten patientenberichteten Outcome Maßen zur Erfassung der funktionellen Beeinträchtigung bei Nackenschmerzen. Die von Cramer et al. (2014) validierte deutsche Version stellt eine wichtige Grundlage für den Einsatz im deutschsprachigen Raum dar. Trotz seiner weiten Verbreitung und guten psychometrischen Eigenschaften ist der NDI jedoch kritisch zu betrachten.

Stärken des Instruments

Eine wesentliche Stärke des NDI liegt in seiner hohen Praktikabilität. Mit nur zehn Items ist der Fragebogen zeitsparend, leicht verständlich und ohne zusätzlichen apparativen Aufwand einsetzbar. Die deutsche Version zeigt eine gute interne Konsistenz (Cronbach’s α ≈ 0,81) sowie eine gute Test-Retest-Reliabilität, was auf eine stabile Messung der erfassten Konstrukte hinweist. Zudem belegt die Studie von Cramer et al. eine ausreichende Konstruktvalidität, da der NDI signifikant mit Schmerzintensität, funktionellen Einschränkungen und gesundheitsbezogener Lebensqualität korreliert. Damit eignet sich der NDI insbesondere zur Verlaufsbeurteilung und zur Evaluation therapeutischer Interventionen. Ein weiterer Vorteil ist die internationale Vergleichbarkeit, da der NDI weltweit in zahlreichen Studien verwendet wird und dadurch Benchmark-Vergleiche ermöglicht.

Methodische und inhaltliche Limitationen

Trotz dieser Stärken weist der NDI mehrere relevante Schwächen auf. 1. Eindimensionalität des Konstrukts Die Faktorenanalyse von Cramer et al. spricht für eine Ein Faktor-Struktur, was darauf hindeutet, dass der NDI primär ein globales Maß für „Nacken-bezogene Beeinträchtigung“ darstellt. Dadurch gehen jedoch differenzierte Aspekte wie motorische Kontrolle, psychosoziale Einflussfaktoren oder individuelle Bewältigungsstrategien verloren. Moderne biopsychosoziale Modelle von Nackenschmerz werden somit nur unzureichend abgebildet. 2. Starke Gewichtung alltagsbezogener Aktivitäten Mehrere Items (z. B. Lesen, Autofahren, Arbeit) sind kontextabhängig. Personen ohne Erwerbsarbeit, ohne Führerschein oder mit eingeschränkter Lesetätigkeit können bestimmte Fragen nur eingeschränkt oder verzerrt beantworten. Dies kann die Vergleichbarkeit zwischen Patientengruppen reduzieren. 3. Begrenzte Sensitivität bei leichten Beschwerden Der NDI zeigt insbesondere bei Patienten mit milden oder intermittierenden Nackenschmerzen eine eingeschränkte Sensitivität. Kleine, klinisch relevante Veränderungen können unter Umständen nicht ausreichend abgebildet werden (Floor-Effekt). Für Präventionsprogramme oder frühe Funktionsstörungen ist der NDI daher nur bedingt geeignet. 4. Vermischung von Schmerz und Funktion Mehrere Items (z. B. Schmerzintensität, Kopfschmerzen, Schlaf) erfassen eher Symptomschwere als reine funktionelle Einschränkung. Dadurch ist der NDI kein „reines“ Funktionsinstrument, sondern ein hybrides Maß, was die Interpretation der Ergebnisse erschweren kann – insbesondere bei Interventionen, die primär funktionelle Parameter verbessern sollen.

Kritische Einordnung im klinischen Kontext

Der NDI sollte nicht isoliert, sondern stets im Kontext weiterer klinischer Befunde interpretiert werden. Objektive Messungen (z. B. Bewegungsumfang, Kraft, motorische Kontrolle), psychosoziale Screenings (z. B. FABQ, PCS) sowie eine differenzierte Anamnese sind notwendig, um ein umfassendes Bild der Nackenproblematik zu erhalten. Insbesondere im Rahmen moderner evidenzbasierter Physiotherapie und Schmerztherapie reicht der NDI allein nicht aus, um mechanistische oder neurophysiologische Veränderungen abzubilden.

Fazit

Die deutsche Version des Neck Disability Index nach Cramer et al. (2014) ist ein valider, reliabler und praxisnaher Fragebogen, der sich gut zur standardisierten Erfassung von nackenbezogener Beeinträchtigung und zur Verlaufskontrolle eignet. Gleichzeitig ist der NDI inhaltlich begrenzt eindimensional, kontextabhängig und nur eingeschränkt sensitiv für subtile Veränderungen oder komplexe biopsychosoziale Zusammenhänge. Sein Einsatz sollte daher ergänzend und nicht als alleiniges Outcome-Instrument erfolgen.

 

Autor:
Rolf Kunkel
PT, OMT
Academy Dozent

Quellen: Cramer, H., Lauche, R., Langhorst, J., Dobos, G. J., & Michalsen, A. (2014). Validation of the German version of the Neck Disability Index (NDI). BMC Musculoskeletal Disorders, 15, 91. https://doi.org/10.1186/1471-2474-15-91 Vernon, H., & Mior, S. (1991). The Neck Disability Index: A study of reliability and validity. Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics, 14(7), 409–415. (Originalbeschreibung des NDI) Vernon, H. (2008). The Neck Disability Index: State-of-the-art, 1991–2008. Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics, 31(7), 491–502. (Übersichtsartikel zur Geschichte und Nutzung des NDI) Fejer, R., Kyvik, K. O., & Hartvigsen, J. (2006). The prevalence of neck pain in the world population: A systematic critical review of the literature. European Spine Journal, 15(6), 834–848. (Hintergrund zur Epidemiologie von Nackenschmerzen) Hinweis zu Varianten des NDI im Deutschen: Swanenburg, J., Humphreys, K., & Langenfeld, A. (2014). Validity and reliability of a German version of the Neck Disability Index (NDI-G). Manual Therapy, 19(1), 52–58. https://doi.org/10.1016/j.math.2013.07.004 (Alternative deutsche Übersetzung/Validierung)

Seriöse Therapie sollte kein Glückspiel sein: Der große Irrtum mit der mechanischen Atlas Therapie

Liebe Patienten, wir möchten uns äußern, aufklären und gleichzeitig warnen vor einem scheinbar populären Angebot in der Gesundheitsbranche.

Sehr gerne wird aus einer bestimmten Ecke der Gesundheitsbranche behauptet, dass beinah alle Beschwerden mit einer Stellungsproblematik des ersten, oberen Halswirbels zu erklären sind. Dafür gibt es natürlich keinerlei handfesten, wissenschaftlichen Nachweise. Von außen vermutete Fehlstellungen sind auch in geringem Ausmaß nicht röntgenologisch nachzuweisen. Der reine Tastbefund und dessen Interpretation kann klinisch (Untersuchungs-und Behandlungstechnisch) von Bedeutung sein, jedoch kann niemand seriös behaupten, dass sein erster Wirbel verdreht oder sogar ausgerenkt steht. Dies hätte natürlich fatale Folgen für empfindliche, lebenserhaltende Strukturen v.a. Nervenstrukturen. Einfache Beschwerden des Bewegungsapparates sind dadurch nicht zu erklären.

Warum wirkt die Therapie der oberen Halswirbelsäule dennoch häufig so gut auf vorhandene Beschwerden (sprich Schmerzen) und das auch noch an Stellen, wo man die Effekte nie vermutet. Nun, die Erklärung sollte, wie oben beschrieben, nicht mechanischen Ursprungs sein.

Eine derzeit gültige Erklärung ist:

Was vor allem beeinflusst wird, ist wie so oft, unser Nervensystem. Gerade die obere Halswirbelsäule (HWS), bis zum 3. Halswirbel, liegt auf gleicher Höhe und funktioniert auch noch in Verbindung mit dem zentralen Nervensystem. Die Informationen aus der oberen HWS können eine Struktur beeinflussen , die als zentrale Schmerzwahrnehmende und modulierende Instanz gilt (das periaquäduktale Grau, PAG).

Die obere HWS scheint hier eine führende Rolle in der Beeinflussung des PAG einzunehmen (Mouton LJ et. al 2005). Mit anderen Worten. Impulse, die über die obere HWS appliziert werden, können Schmerzen im Körper modulieren oder hemmen.

Nochmals mit anderen Worten:

  • Somit könnte eine Therapie „des Atlas“ Ihnen momentan für Ihre aktuelle Schmerzwahrnehmung helfen. Das eigentliche Problem an einer möglicherweise ursächlichen Stelle ist aber nicht wirklich gelöst.
  • Eine andere Möglichkeit wäre: Sie haben Glück und die Wahrnehmung hat sich insoweit verschoben, dass ihr eigentlicher Schmerz nicht mehr spürbar ist und auch weg bleibt.
  • Sie haben weniger Glück mit Ihrer Therapie und es werden, durch eine unpassende (zu starke) Dosierung, mehr Probleme entstehen.

Wir finden: Seriöse Therapie sollte kein Glückspiel sein!

Liebe Patienten, wichtig ist und bleibt, dass Ihr Therapeut Sie umfassend untersuchen und behandeln kann. Dafür sind wir im Bereich des Bewegungsapparates, als Manual Therapeuten, bestens ausgebildet. Auch hier gibt es unterschiedliche Levels unter den Therapeuten, die wir durch internes Qualitätsmanagement versuchen auszugleichen.

Manuelle Therapie auf internationalem Standard heißt OMPT (Orthopädische Manuelle Physiotherapie). Wir möchten Ihnen mit dieser, unserer Philosophie, seriöse professionelle Dienstleistungen anbieten. Wir begleiten Sie als Patienten und Kunden, mit dem nötigen erforderlichen Hintergrundwissen und sind über die aktuelle Evidenz informiert. Unsere Behandlung und das was sie selbst dazu beitragen können, versuchen wir seriös zu erklären und exakt zu applizieren und zu planen (passive wie aktiv).

Anhand von diesem Beispiel wird deutlich, dass professionelle Ausbildung notwendig ist, um verantwortungsbewusst mit der sensiblen Region obere HWS umzugehen.

Sonst bleibt es beim: Glück, oder (großem) Pech in der Therapie