Besteht ein Zusammenhang zwischen dem horizontalen Kondylenwinkel und einem internen Derangement des Kiefergelenks? – Kritische Bewertung einer MRT-Studie

Evaluation of the relation between the horizontal condylar angle and the internal derangement of the TMJ a magnetic resonance imaging study

1. Klinische Fragestellung (PICO)

P (Population):
Patient:innen mit Verdacht auf internes Derangement des Kiefergelenks (TMJ)

I (Indexfaktor):
Horizontaler Kondylenwinkel (gemessen mittels MRT)

C (Comparison):
Kiefergelenke ohne internes Derangement

O (Outcome):
Zusammenhang zwischen Kondylenwinkel und Vorliegen bzw. Art des internen Derangements

Klinische Frage:
Besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem horizontalen Kondylenwinkel und einem internen Derangement des Kiefergelenks?

2. Studientyp

  • Beobachtungsstudie (querschnittlich)
  • Diagnostische Bildgebungsstudie mittels Magnetresonanztomographie (MRT)

3. Methodische Bewertung

Studiendesign & Stichprobe

  • Untersuchung mehrerer Kiefergelenke mittels MRT
  • Einteilung der Gelenke in:
    • ohne internes Derangement
    • mit anteriorer Diskusverlagerung mit oder ohne Reposition

Kritische Bewertung:

  • Stichprobengröße N=144, eher moderat, eingeschränkte statistische Power
  • Rekrutierung aus klinischer Population mögliches Selektionsbias
  • Keine randomisierte Auswahl

Messmethoden:

  • MRT als Goldstandard zur Beurteilung von:
    • Diskusposition
    • Kondylenmorphologie
  • Messung des horizontalen Kondylenwinkels anhand standardisierter MRT-Schnitte

Stärken:

  • Hohe diagnostische Genauigkeit des MRT
  • Objektive bildgebende Messung

Limitationen:

  • Winkelmessung potenziell Untersucher abhängig
  • Angaben zur Inter-/Intrarater-Reliabilität fehlen oder sind unzureichend beschrieben

Statistik:

  • Vergleich der mittleren Kondylenwinkel zwischen den Gruppen
  • Prüfung statistischer Signifikanz

Kritik:

  • Statistisch signifikante Unterschiede bedeutet nicht gleich klinische Relevanz
  • Effektstärken werden nur begrenzt diskutiert
  • Keine multivarianten Analyse zur Kontrolle möglicher Confounder (z. B. Alter, Geschlecht, Okklusion)

4. Ergebnisse

  • Signifikant größere horizontale Kondylenwinkel bei Gelenken mit internem Derangement im Vergleich zu gesunden Gelenken
  • Besonders ausgeprägt bei Gelenken mit anteriorer Diskusverlagerung ohne Reposition

Interpretation der Autor:innen:

  • Der horizontale Kondylenwinkel könnte ein prädisponierender morphologischer Faktor für internes Derangement sein

5. Interne Validität

Stärken:

  • Einsatz eines validen bildgebenden Verfahrens (MRT)
  • Klare Definition der untersuchten Parameter

Schwächen:

  • Querschnittliches Design, deshalb sind keine Kausalitätsaussagen möglich
  • Keine Verlaufsbeobachtung
  • Mögliche Confounder nicht ausreichend berücksichtigt

6. Externe Validität (Übertragbarkeit)

  • Ergebnisse sind auf Patient:innen mit CMD-Symptomatik begrenzt übertragbar
  • Keine Aussagen zur:
  • Allgemeinbevölkerung
    • Prognose
    • Therapieentscheidung allein auf Basis des Kondylenwinkels

7. Klinische Relevanz

Für die Praxis bedeutet das:

  • Der horizontale Kondylenwinkel allein ist kein diagnostisches Kriterium für ein internes Derangement
  • Er kann jedoch als zusätzlicher struktureller Faktor im Gesamtbefund berücksichtigt werden
  • Klinische Symptome, Funktionsbefund und psychosoziale Faktoren bleiben entscheidend

8. Gesamtevidenz & Schlussfolgerung

Evidenzniveau: niedrig bis moderat (beobachtende Querschnittsstudie)

Fazit: Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen horizontalem Kondylenwinkel und einem internen Derangement des Kiefergelenks. Aufgrund des Studiendesigns lässt sich jedoch keine Kausalität ableiten. Der Kondylenwinkel sollte nicht isoliert interpretiert werden, sondern im Kontext eines biopsychosozialen CMD-Modells.

9. Implikationen für die Forschung und Praxis

  • Hier sehe ich Bedarf an:
    • Längsschnittstudien
    • Untersuchung der klinischen Relevanz für Therapieentscheidungen
    • Kombination morphologischer, funktioneller und psychosozialer Parameter

 

Autor:
Rolf Kunkel
PT, OMT
Academy Dozent

Quellen: Crusoé-Rebello IMR, Campos PSF, Rubira IRF, Panella J, Mendes CMC.
Pesqui Odontol Bras
Pesquisa Odontológica Brasileira
2003;17(2):176-82

Magnetresonanztomographie des Kiefergelenks bei anteriorer Diskusverlagerung ohne Reposition – Langzeitergebnisse

Magnetic resonance imaging of temporomandibular joint with anterior disk dislocation without reposition – long-term results

1. Fragestellung & Hintergrund

Die Studie untersucht bei Patienten mit anteriorer Diskusverlagerung ohne Reposition (ADD-woR) des Kiefergelenks, wie sich die Morphologie und klinische Situation über 4–8 Jahre verändert, ob sich ein sogenannter Pseudo-Disk (PD) entwickelt, und ob das Vorhandensein eines PD mit besseren oder schlechteren klinischen bzw. radiologischen Befunden assoziiert ist.

Klinischer Kontext:

ADD-woR ist eine Form einer intraartikulären Störung des TMJ bei der der Gelenk-Diskus dauerhaft vorne bleibt und nicht mehr beim Öffnen „reponiert“. Dies kann zu Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und funktionellen Problemen führen. MRI ist der Goldstandard zur Visualisierung dieser Veränderungen.

2. Studiendesign

Retrospektive Langzeit-Follow-up-Studie

Population: 33 Patienten (42 betroffene TMJs) mit vorher dokumentierter ADD-woR

Dauer: 4–8 Jahre nach Baseline-Diagnose

Methoden: klinische Untersuchung einschließlich Schmerz-VAS und Mundöffnung + MRI zur strukturellen Beurteilung des TMJ

Was wurde beurteilt?

  • Entwicklung eines Pseudo-Disks (PD)
  • Veränderungen von Schmerzen und Mundöffnung
  • Radiologische Parameter (Diskuslage, Erguß, Translation)

3. Hauptergebnisse

Pseudo-Disk:

Bei rund 45 % der Gelenke konnte im Follow-up ein PD identifiziert werden.

Schmerzen:

21 von 31 ursprünglich schmerzhaften Patienten waren beim Follow-up schmerzfrei.

Mundöffnung:

Die Mundöffnungsbeweglichkeit verbesserte sich bei 80 % der Patienten.

Zwischen Patienten mit PD und ohne PD gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede in den klinischen Endpunkten, aber MRI-Parameter wie Erguß und Kondylustranslation zeigten eine Tendenz zu stärkerer Verbesserung bei PD (p≈0.06).

4. Stärken der Studie

Lange Beobachtungsperiode (4–8 Jahre) dies ermöglicht einen Einblick in natürliche Anpassungsprozesse des TMJ über einen Zeitraum x.

Konsistente Bildgebung mit hochauflösendem MRI – gute diagnostische Sensitivität für kleine strukturelle Veränderungen.

Kombination aus klinischen & radiologischen Daten – klinische Relevanz wurde mit strukturellen Befunden verknüpft.

5. Limitationen

Kleine Stichprobe:

Nur 33 Personen, bedeutet eingeschränkte statistische Aussagekraft, besonders für Subgruppenanalysen PD vs. kein PD.

Retrospektiv und keine Kontrollgruppe:

Kaum Aussage über kausale Effekte oder Therapie-Vergleiche.

Therapievariabilität:

Die Mehrheit der Patienten erhielt unterschiedliche konservative Therapien (Physio/Schiene), die nicht standardisiert wurden, dies bedeutet mögliche Confounder.

Follow-up-Selektion:

Patienten, die nicht kontaktiert werden konnten oder keine MRI-Daten hatten, wurden ausgeschlossen, das bedeutet potenzieller Selektionsbias.

6. Interpretation & klinische Bedeutung

Die Studie zeigt, dass:

Während deutlich weniger Patienten Schmerzen und Bewegungseinschränkungen hatten, die Entwicklung eines Pseudo-Disks kein eindeutiger Marker für einen besseren klinischen Verlauf ist.

Dies legt nahe, dass klinische Verbesserungen bei ADD-woR nicht von der bloßen morphologischen Bildung eines PD abhängig sind sondern vielmehr könnten andere Adaptations- und Reparaturprozesse am Gelenk eine Rolle spielen.

7. Schlussfolgerung

Kernaussage:

Bei Patienten mit anteriorer Diskusverlagerung ohne Reposition kommt es über Jahre zu funktionellen Verbesserungen (Schmerz, Mundöffnung), unabhängig davon, ob radiologisch ein Pseudo-Disk entsteht oder nicht. Der morphologische PD-Befund weist nur eine Tendenz – aber keine verlässliche klinische Prädiktivität auf.

Schlussfolgerung:

Ein rein radiologischer PD-Nachweis sollte nicht als alleiniger prognostischer Faktor für Therapieentscheidungen herangezogen werden.

Langfristige klinische Beobachtung und funktionelle Bewertung bleiben entscheidend.

 

Autor:
Rolf Kunkel
PT, OMT
Academy Dozent

Quellen: Bristela M., Schmid-Schwap M., Eder J., Reichenberg G., Kundi M., Piehslinger E., Robinson S. (Clin Oral Investig, 2017)